«Ein Team zu führen, ist wie ein Klavierspiel»

Michael Wildhaber, CEO der Intercity Bewirtschaftung, im Gespräch mit dem ehemaligen Spitzen-Schiedsrichter Urs Meier

Michael Wildhaber:    Herr Meier, Sie haben eine beeindruckende Karriere als Fussball-Schiedsrichter hinter sich und gehörten jahrelang zu den weltweiten Top 10. Wie kam es dazu?

Urs Meier:    Als Junge war mein Ziel, Fussballprofi zu werden – schon als Vierjähriger war ich in jeder freien Minute auf dem Platz. Aber ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Fussball nicht denselben Stellenwert hatte wie heute. In meinem Dorf gab es zwei Turnvereine, und da ging man als Kind eben hin. So wurde auch ich zum Kunstturnen verdonnert.  Erst mit 12 begann ich in einer richtigen Mannschaft zu spielen. Mit 14 wurde mir bewusst, dass ich nie Fussballprofi werden würde, mit 18 entschied ich mich für die Schiedsrichterkarriere. 1977 absolvierte ich meinen ersten Schiedsrichterkurs. Mein Ziel war es, 1998 an die Fussball-WM zu gehen. Und dieses Ziel erreichte ich dann auch.

 

Michael Wildhaber:    Wie haben Sie es zum Spitzenschiedsrichter geschafft?

Urs Meier:    Das ist wie ein Puzzle, das sich aus vielen Teilen zusammensetzt. Wenn man an der Spitze steht, ist dieses Puzzle vollständig. Ein grosser Teil sind die Regelkenntnisse, die man hundertprozentig beherrschen muss. Denn während eines Spiels bleibt keine Sekunde Zeit, um zu überlegen – man muss einfach alles in petto haben. Hinzu kommen eine gute Kondition und menschliche Qualitäten wie Durchsetzungsvermögen, Empathie und Kommunikationsfähigkeit. Ein Schiedsrichter muss aber in erster Linie eine Führungspersönlichkeit sein.

 

Michael Wildhaber:    In Ihrem Buch «Du bist die Entscheidung» schreiben Sie, warum es in Führungspositionen so wichtig ist, für seine Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen – ein Credo, das sich so manches Unternehmen auf die Fahne schreiben sollte. Was haben Entscheidungen mit Führung zu tun?

Urs Meier:    Wenn ich als Schiedsrichter einen Entscheid fälle, dann kann ich ihn nicht mehr rückgängig machen – selbst wenn ich im Nachhinein merke, dass es ein Fehler war, weil ich aus meinem Blickwinkel etwas nicht sehen konnte. Dann stehe ich hin, begründe meinen Entscheid und gebe zu, dass er falsch war. Doch nicht immer ist die Situation klar: War das jetzt noch ein Zweikampf oder bereits ein Foul? Das liegt dann im Ermessen des Schiedsrichters, umso mehr muss er dann zu seiner Entscheidung stehen. Wichtig ist, dass ich im Moment der Entscheidung überzeugt bin. Rumstudieren liegt im Spiel nicht drin – ein Schiedsrichter muss pro Minute fünf bis sechs Entscheidungen fällen und baut dabei voll auf seine Intuition, kombiniert mit seiner Erfahrung und seinem Wissen. Und natürlich muss er sich auf seine Assistenz-Schiedsrichter, die das Spiel aus einem anderen Blickwinkel beobachten, verlassen können.

 

Michael Wildhaber:    Unser «Spiel» ist nicht ganz so rasant – doch eine rasche Reaktionsfähigkeit ist auch im Immobilienbusiness unabdingbar. Wie können Sie in diesem Tempo gute Entscheidungen treffen?

Urs Meier:    Durch Spielintelligenz. Als Schiedsrichter antizipiere ich das Spiel, ich lese es, bin ständig parat – das ist wie beim Autofahren oder überhaupt im Leben. Wenn man gut vorbereitet ist, fällt man die besseren Entscheidungen. Wer das nicht kann, ist immer zu spät.

 

Michael Wildhaber:    In unserer Firma halten wir es ähnlich: Wir arbeiten vorausschauend, stehen zu unseren Entscheidungen und halten auch negative Rückmeldungen aus. Ein Kunde weiss, was er wünscht – aber wir als Spezialisten wissen, was er braucht.

Urs Meier:    Damit zeigt ihr Profil, genau wie ein Schiedsrichter im Spiel. Wenn’s gut läuft, ist er praktisch unsichtbar. Aber wenn ein Entscheid nötig ist, kommt er plötzlich im Grossformat auf den Bildschirm. Das ist dann eine Situation, in der ein Schiedsrichter hinstehen und Klartext sprechen muss. Führungsqualität zeigt sich vor allem dann, wenn es Probleme gibt – kann man Orientierung bieten, Klarheit schaffen und den Weg vorgeben? Das ist wie bei euch: Ihr müsst Entscheidungen treffen, auch wenn die Situation – wie zum Beispiel mit der aktuellen Pandemie – unsicher und unklar ist.

 

Michael Wildhaber:    Leadership ist kein Schönwetterjob; eine Führungspersönlichkeit trifft auch unangenehme Entscheidungen und führt ein Team durch schwierige Zeiten. Wie kommunizieren Sie einen unpopulären Entscheid?

Urs Meier:    Ein solcher lässt sich meist vorbereiten: Bevor ich einem Spieler gleich die rote Karte gebe, ermahne ich ihn und sage ihm genau, was ihn beim nächsten Verstoss erwartet. Dann ist ein Platzverweis für den Spieler nachvollziehbar. Ich frage auch immer nach, ob ich wirklich verstanden worden bin. Als Schiedsrichter beuge ich vielen Konflikten vor, beruhige die Spieler und mache ihnen klar, dass sie sich mit ihrem Verhalten nur selbst schaden. Zum Beispiel wenn sie sich provozieren lassen. Ein Team zu führen, sei es auf dem Fussballplatz oder in einem Unternehmen, ist wie ein Klavierspiel: Man muss es von oben bis unten spielen können, nicht nur in der Mitte. Die einen Spieler erreiche ich, indem ich mich höflich und leise ausdrücke. Bei einem anderen würde ich damit nichts bewirken. Letztlich ist Führung nichts anderes als Unterstützung, basierend auf guter Menschenkenntnis.

 

Michael Wildhaber:    Fussballspieler werden dort eingesetzt, wo sie am meisten Talent haben – und genauso möchten wir, dass unsere Mitarbeitenden dort arbeiten, wo sie ihre Fähigkeiten optimal einbringen können. Das erfordert Wertschätzung und ein Verständnis für andere Bedürfnisse und Möglichkeiten. A propos: Was hat Urs Meier eigentlich mit der Immobilienwirtschaft zu tun?

Urs Meier:    Ich war ja nicht von heute auf morgen ein Vollzeit-Schiedsrichter, sondern musste Geld verdienen wie jeder andere. Unter anderem hatte ich eine Firma, die mit Haushalt-Grossgeräten wie Waschmaschinen und Geschirrspülern handelte, und knüpfte so Kontakte mit Immobilienfirmen, auch mit der Intercity. Ich habe dann für meine Kunden Fussballturniere organisiert, und wissen Sie was? Das Intercity-Team war immer ganz vorne dabei.

 

Michael Wildhaber:    Das freut uns zu hören! Urs Meier, vielen Dank für dieses spannende Gespräch.

Urs Meier, geboren 1959 in Zürich, gehörte viele Jahre zu den weltbesten Schiedsrichtern. 2004 beendete er seine Karriere als Unparteiischer und konzentriert sich seither auf die systematische Professionalisierung der international tätigen Schiedsrichter. Der Vater von drei Kindern leitet ein Unternehmen und ist gefragter Fussball-Experte (u.a. als Kommentator während der Europa- und Weltmeisterschaften im ZDF) sowie Referent.